Satya - die Wahrhaftigkeit

Wer am Samstag einen Grosseinkauf erledigen muss, hat eher suboptimal geplant. Das Gedränge in den schmalen Korridoren, vor den gekühlten Waren und üblicherweise bei den alkoholhaltigen Getränken (es ist eben Samstag!) könnte man sich wirklich sparen. Ich persönlich schaffe es jedoch selten bis nie, unter der Woche in den Supermarkt zu gehen. So auch einmal mehr diese Woche. Gemütlich mache ich mich also am Samstag Vormittag schon ziemlich vollgepackt mit drei Tüten auf zum nächsten Supermarkt. Da ich für Gäste einkaufe, für mich am Sonntag Abend auch noch etwas Tolles kochen und auch am Montag und Dienstag nicht in einen gähnend leeren Kühlschrank blicken möchte, füllt sich mein Körbchen sehr bald randvoll. Irgendwann fange ich auch an, Waren in die mitgebrachten Tüten zu stopfen, und fühle mich noch während des Einkaufens bereits wie ein schon etwas in die Jahre gekommener Lastesel. Irgendwann ist’s dann geschafft und ich reihe mich in die Schlange vor den Kassen ein. Plötzlich fühlt es sich so an, als ob hinter mir das Rumpelstilzchen höchst persönlich anstehen würde; der Typ hüpft mehr oder weniger von einem Bein aufs andere, fasst sich ein Herz und fragt mich, ob er mich mit seinen nur drei oder vier zu bezahlenden Produkten überholen dürfe. Geht klar – ich hab’ doch kein Stress am Samstag Vormittag! Rumpelstilzchen überholt mich also und bedankt sich sehr höflich und mindestens drei Mal. Schon will ich anfangen, auch meine Sachen aufs Band zu legen, als eine sehr nervöse weibliche Stimme hinter mir fragt, ob sie auch vor mir zahlen dürfe. Wieder ein nettes Ja meinerseits und ein gratis Lächeln dazu. Als dann aber bereits die dritte Person fragt, ob sie auch vor mir zahlen dürfe, finde ich es – trotz stressfreiem Samstag Vormittag – nicht mehr ganz so entspannt. Geistesblitzmässig kommt mir das Sanskrit-Wort Satya in den Sinn, welches mich während meiner Yogalehrer-Ausbildung immer wieder umgetrieben hat. Wahrhaftig sein – eines der 5 Yamas, den 5 ethischen Grundprinzipien im Yogasutra von Patanjali. Obwohl ich nein sagen möchte, sage ich ja, und habe es somit einmal mehr nicht geschafft, wahrhaftig zu sein. Grund genug, sich für die kommende Woche vorzunehmen, wieder mehr Satya zu praktizieren; mit der Konsequenz, dass ich Ende der Woche wohl nicht mehr ganz so viele Freunde habe wie jetzt.

-Sarah-

Yoga Bern

Tom Derrington