Marathon Mind

Nein, ich weiss, eigentlich dürfte ich gar nicht darüber nachdenken, geschweige denn darüber schreiben, denn das ist nicht gut fürs Ego. Deshalb nehme ich’s gleich vorweg; mein heutiges Sonntagsprogramm hat definitiv ganz viel mit dem Ego zu tun. Ich habe an einem Halbmarathon teilgenommen. Meiner sehr ausgeprägten Pitta-Konstitution (siehe ayurvedische Heil- und Lebenskunde) vermag ich nur mit sehr viel Bewegung beizukommen (was selbstverständlich keine Ausrede ist – um mich zu bewegen, müsste ich nicht an einem Halbmarathon teilnehmen!). Durch die körperliche Bewegung und insbesondere durch das Laufen kann ich mein Gemüt entspannen und die innere Hitze durchs Schwitzen nach aussen ableiten. Zurück zum Halbmarathon; ab Kilometer 17 wird’s dann doch etwas anstrengend. Die Beine werden schwerer und schwerer, bis ich mitunter das Gefühl habe, mit Bleigewichten an den Füssen zu laufen. Auch die sonst relativ aufrechte Körperhaltung beginnt einzusinken, und generell macht es nicht mehr so viel Spass wie auf den ersten Kilometern. Da kommen mir plötzlich dieses Chitta (Gedanken) und diese Vrittis (Wellen) in den Sinn. Wie ich mich zu erinnern glaube, habe ich im Yoga Teacher Training gelernt, dass Patanjali, der grosse indische Gelehrte und Verfasser des Yogasutra, damit gemeint hat, dass Yoga helfen soll, mit den Gedanken im Geist geschickt umgehen zu können. Ab Kilometer 17 wäre das wahrlich sehr hilfreich, denn dann sind bei mir die Gedanken im Geist alles andere als solide und edel. Das tönt dann irgendwie eher nach: „Meine Beine sind schwer“ oder „Meine Füsse tun weh“. Trotzdem versuche ich tapfer, meinen Geist im Schach zu halten und nur erhebende Gedanken zuzulassen. Bei Kilometer 20 frage ich mich: Ist Patanjali wohl je einen Halbmarathon gelaufen?

 

Sarah Frank. 

Yoga Bern

Tom Derrington